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Archiv für August, 2010

Der Freischwinger

5. August 2010 Keine Kommentare

Die Erfinder des Freischwingers

Viele Designklassiker, die sich heute noch einer großen Beliebtheit erfreuen, verdanken wir dem Hang der modernen Architekten, Ihre Gebäudeentwürfe bis zur Möblierung durchzuplanen. Woher aber kam dieser Gedanke? War es pure Eitelkeit, grenzenlose Selbstüberschätzung oder was veranlasste Architekten, nicht nur Gebäude sondern auch komplette Interieurs zu entwerfen?

Das Selbstverständnis der modernen Architekten in den 20er und 30er Jahren des letzten Jahrhunderts, von denen viele am Bauhaus gelernt oder gelehrt hatten, war das der grossen Vordenker. Diese Architekten wollten die Welt verändern und zwar mit gutem Design fĂĽr alle. Mustersiedlungen und Prototypen dieser neuen Architektur stellten dem Besucher eine neue Lebensweise vor, die sich auch im Interieur manifestierte. Um möglichen “Geschmacksverirrungen” der Bauherren zuvorzukommen, die vielleicht noch gerne in ihren alten PlĂĽschsofas saĂźen, entwarfen die Architekten die Möbel gleich mit. Der Bauherr bekam eher ein Kunstwerk statt eines Hauses und nicht wenige Architekten wachten auch nach der Fertigstellung darĂĽber, das das Kunstwerk vom Nutzer nicht verändert wurde. Die moderne Formensprache war eben nicht nur Sprache, sondern oft auch Ideologie und nicht selten gegen jeden Funktionalismus gestaltet. Ein gutes Beispiel dafĂĽr ist der Barcelona Pavillon von Mies van der Rohe mit seinen sehr schlanken StahlstĂĽtzen. Die Last tragen jedoch die frei im Raum stehenden Wandscheiben und nicht die StĂĽtzen.

Ein wichtiges Projekt der Moderne war die Weißenhofsiedlung in Stuttgart, die vom Deutschen Werkbund ins Leben gerufen wurde. Die besten zeitgenöschischen Architekten entwarfen hier verschiedene Haustypen und Möbel im Stil der Moderne. Unter Ihnen Le Corbusier, Walter Gropius, Mies van der Rohe, Mart Stam und Marcel Breuer. Zwischen den letzten drei sollte es später gerichtliche Auseinandersetzungen über die Urheberschaft des sogenannten Freischwingers geben. Denn in der Weißenhofsiedlung war dieser Stuhl erstmals für eine breite Öffentlichkeit zu bestaunen.

Der Niederländer Mart Stam entwickelte 1926 einen Stuhl aus geschwungenem Stahlrohr ohne Hinterbeine. Wahrscheinlich bekam Mies van der Rohe diesen Stuhl im Vorfeld der Ausstellung in Stuttgart zu sehen. Mies van der Rohe entwickelte diesen, noch recht starren Stuhl weiter und meldete noch vor der öffentlichen Präsentierung des Stuhls von Mart Stam auf der Weißenhofsiedlung ein Patent auf seinen Stuhl (M20) an. Marcel Breuer experimentierte am Bauhaus ebenfalls mit verschiedenen Modellen. Mit der Frage der Urheberschaft mussten sich schliesslich die Gerichte befassen: Urheber wurde Stam, der den Stuhl in der Schweiz mit der Firma Thonet produzierte, van der Rohe erhielt jedoch aufgrund seines Patentes noch jahrelang Rechte an der Produktion der Stühle zugesprochen. Breuer ging leer aus. Der Stuhl selber ist bis heute eine Erfolgsgeschichte, auf dem in zahllosen Wartezimmern die Patienten ihrer Behandlung entgegenschwingen.

Aufgrund seiner einfachen Konstruktion, die im Prinzip aus einem gebogenen Stahlrohr besteht, war dieser Stuhl eine Revolution und verdeutlicht auf geniale Weise, wie man mit den neuen technischen Möglichkeiten neue überzeugende Formen entwickeln konnte.